„Als junger Mensch auch einmal ein Risiko eingehen“ – Interview

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„Als junger Mensch auch einmal ein Risiko eingehen“ – Interview

MCI, im Interview über das Bildungsangebot in Tirol, die Wahl der richtigen Ausbildung und die Arbeitswelt der Zukunft.

Wie beurteilen Sie die Bildungslandschaft in Tirol?

Andreas Altmann: Insgesamt hat Tirol, sehr zum Nutzen der Bildungssuchenden, eine enorm ausdifferenzierte Bildungslandschaft. Egal, ob im Schul- und Hochschulbereich, in der betrieblichen Ausbildung oder in der Erwachsenenbildung, Tirol bietet eine Vielfalt an Möglichkeiten. Dadurch wird eine ganze Reihe von Optionen geschaffen, die es früher nicht gegeben hat. Für junge Menschen kann es aufgrund dieses umfassenden Angebots teilweise ziemlich herausfordernd sein, den Ausbildungsweg, der den eigenen Bedürfnissen entspricht, zu finden. Das ist allerdings ein Luxusproblem. Tirol hat für die Größe des Bundeslands eine sehr große und etablierte Universität, es gibt zudem diverse Hochschulen und auch was die Schulen betrifft steht Tirol sehr gut da. Entwicklungspotenziale gibt es noch im Bereich der Internationalität, vor allem bei den Schulen. Potenzial gibt es zudem auch noch im Bereich der Digitalisierung, sowohl was die Inhalte als auch was die Vermittlung betrifft.

Vor allem im technischen Bereich fehlen dennoch Fachkräfte. Warum entscheiden sich nicht mehr junge Menschen für eine technische Ausbildung?

Der Begriff „Fachkräfte“ ist sehr wenig differenziert. Die einen meinen Lehrlinge, die anderen Hochschulabsolventen. Die Neigung, ein MINTFach zu studieren, könnte mit Sicherheit höher ausgeprägt sein. Statistisch gesehen entscheiden sich vor allem wenige Frauen für solche Fächer, doch auch bei den Männern gibt es noch Luft nach oben. Ich denke, dass die Themen Technologie, Life Sciences, Maschinenbau und Engineering immer noch den Ruf haben, zu kompliziert und anspruchsvoll zu sein, und dass dieses Bild bereits sehr früh entsteht, weil es durch Eltern, Lehrer, Medien und andere Teile der Gesellschaft häufig so kommuniziert wird. Wir alle tragen die Verantwortung dafür, diese Themen in Zukunft positiver zu kommunizieren und so junge Menschen bereits früh für diese technischen Dinge zu begeistern. Ein weiteres Problem in dieser Hinsicht ist die unnötige Polarisierung zwischen Bildung und Ausbildung, die im öffentlichen Diskurs stattfindet. Es wird suggeriert, dass nur zweckfreie Bildung echte Bildung wäre, während alles, was auch einem Zweck dient, als schnöde Ausbildung abgestempelt wird. Ich widerspreche dem vehement. Es gibt nur eines, und zwar Bildung. Eine Kombination aus Fertigkeiten und Wissen ist wichtiger Bestandteil jeder Art von Bildung und Ausbildung. Diese zwei Dinge lassen sich nicht sinnvoll voneinander trennen, und sollten auch nicht getrennt betrachtet werden. Man kann gar nicht zu viel wissen. Genauso wenig kann man zu viel können.

Was ist für junge Menschen bei der Ausbildungswahl ausschlaggebend?

Früher war es bei jungen Menschen verpönt, dass sie sich mit ihren Eltern zusammen eine Bildungseinrichtung angesehen haben. Wir bemerken nun zunehmend, dass Eltern ihre Söhne und Töchter begleiten, wenn diese zu uns ans MCI kommen, um sich über unser Angebot zu erkundigen. Ich denke, das ist eine positive Entwicklung. Es ist wichtig, dass junge Menschen mehrere Meinungen einholen. Eines muss jedoch klar sein: Die Ausbildung muss genau für eine Person die richtige sein, und zwar für den jungen Menschen selbst. Das betone ich unmissverständlich. Man sollte sich jeweils selbst ganz genau überlegen, was man sich vom Leben erwartet und was einem wichtig ist. Je mehr man jedoch mit anderen Menschen spricht, desto deutlicher wird einem selbst, was man eigentlich möchte. Junge Menschen entscheiden sich für etwas, hinter dem sie einen Sinn erkennen. Die berufliche Dimension allein greift hier viel zu kurz. Junge Menschen wollen Chancen. Und das Studium und die Hochschule werden danach beurteilt, in welchem Maße sie diese Chancen ermöglichen. Wie kann ich mein Leben erfolgreich gestalten? Wo komme ich mit spannenden Menschen in Berührung? Wo habe ich tolle Möglichkeiten, ins Ausland zu gehen oder eine Marke zu erwerben? Wo bin ich in ein Netzwerk eingebunden? All diese Fragen sind bei der Wahl der Bildungseinrichtung relevant. Ich rate jedem jungen Menschen, sich ohne Scheu intensiv mit unterschiedlichen Optionen auseinanderzusetzen, sich genau zu informieren und sich so viel wie möglich persönlich anzuschauen. Außerdem ist es wichtig, mutig zu sein, sich etwas zuzutrauen und keine Angst zu haben zu scheitern. Gerade als junger Mensch hat man so viele Möglichkeiten und die Zeit, viel auszuprobieren. Wer immer nur den sicheren Weg geht, steht sich vielleicht selber im Weg. Viele junge Menschen machen heute ein soziales Jahr oder gehen für ein Jahr ins Ausland. Ich kann jedem nur raten, so viel wie möglich auszuprobieren, die Welt zu erkunden und für sich selbst das zu finden, was am besten zu einem passt.

Was erwartet junge Menschen in der Arbeitswelt von heute?

Die Vielfalt in der Arbeitswelt wird immer größer. Früher waren Betriebe, auch wenn es ganz unterschiedliche Kulturen in den Betrieben gegeben hat, ungleich homogener. Es hat gewisse Hierarchien und Verhaltensmuster gegeben und die Anforderungen waren überall relativ ähnlich. Mittlerweile sind die Verhältnisse deutlich vielfältiger geworden. In vielen Konzernen ist es zum Beispiel nicht mehr gewünscht, dass Überstunden gemacht werden oder Menschen nach Dienst erreichbar sind. Junge Menschen legen heute mehr Wert auf Work-Life-Balance. Auf der anderen Seite gibt es Menschen, die in Start-ups problemlos rund um die Uhr arbeiten. Das Spektrum, in dem sich die Anforderungen bewegen, ist viel breiter geworden und die Arbeitswelten unterscheiden sich heute viel stärker als früher. Gleichzeitig beobachte ich, dass die Verbindlichkeit sinkt. Termine werden kurzfristiger verschoben, abgesagt oder nicht einmal mehr abgesagt. Alles ist schnelllebiger. Durch veränderte Wertegerüste legen junge Menschen auf Verbindlichkeit leider immer weniger Wert. Die Heterogenität steigt aufseiten der Betriebe und auf der Seite der Arbeitnehmer sowie der Qualifikation. Auch die kulturelle Vielfalt ist größer geworden. Man kann also gar nicht sagen, dass sich die Arbeitswelt in eine bestimmte Richtung verändert hätte. Sie hat sich in vielerlei Richtungen verändert.

Interview: Maria Knips-Witting

„Es ist wichtig, sich gut zu informieren, sich alle Möglichkeiten genau anzuschauen und auch bereit zu sein, Risiken einzugehen.“

Andreas Altmann, MCI-Rektor

Quelle:
ECHO Zeitschriften und Verlags Ges.m.b.H.

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