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Pre Opening 2012: Schluss mit Durchschnitt

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Pre Opening 2012: Schluss mit Durchschnitt

„Österreich läuft Gefahr, sich mit dem Durchschnitt zufriedenzugeben“, sagt Humangenetiker Markus Hengstschläger, Autor des Buchs „Die Durchschnittsfalle“, der im Rahmen der Auftaktveranstaltung zur Karrieremesse Career & Competence am 13. März über seine zentralen Thesen referieren wird – die den Kern der Messe treffen, geht es doch auch hier darum, sich vom Durchschnitt abzuheben. In der Praxis sieht es in Österreich leider oft anders aus: „Das Humankapital misst man nicht, indem man den Durchschnitt bestimmt. Es ist wichtig, dass wir nicht abfallen, aber viel wichtiger ist mir als Wissenschaftler, dass alles getan wird, um die Spitzen zu entdecken und zu fördern.“ Gerade das passiere aber in der Praxis nicht. „Schon in der Schule wird gemäß eines Systems agiert, das bei unserem Gegenüber das findet, was er eben nicht kann. Und dann sagen wir: Mit dem wirst du dich ab sofort umso mehr beschäftigen.“ Am Ende kann dabei nur eins herauskommen: Durchschnitt. Aber es geht auch anders. Denn laut Hengstschläger sollte ein System etabliert werden, das Talente fördert und nicht Schwächen forciert. „Was wir wahrnehmen und messen können ist nicht Talent, sondern Erfolg. Dafür müssen die individuellen genetischen Leistungsvoraussetzungen des Einzelnen entdeckt und durch harte Arbeit in eine besondere Leistung umgesetzt werden.“ Dabei würden Gene zum einen eine geringe Rolle spielen, in anderen Fällen aber entscheiden sie mit, „je nachdem ob es sich etwa um wissenschaftliche, künstlerisch-musische, sportliche, handwerkliche oder Management-Leistungen handelt. Selbst das Glücklichsein folgt diesem Konzept.

 

Markus Hengstschläger im Interview

 

basics: Herr Hengstschläger, was stört Sie eigentlich am Durchschnitt?

Markus Hengstschläger: Er ist erfolglos und gefährlich. Zudem wird er als Konzept für Gerechtigkeit missbraucht.

basics: Warum ist der Durchschnitt ungerecht?

Hengstschläger: Nehmen Sie 100 österreichische Parameter, Körpergröße, Augenfarbe etc. und bestimmen daraus den Durchschnitt. Und dann schauen Sie, welche Ihrer individuellen Parameter Punktlandungen am österreichischen Durchschnitt sind. Die Antwort: 50-mal liegen Sie darüber, 49- mal darunter und einmal passt es genau – das ist ein Prozent. Insofern gibt es nichts auf der Welt, das Ihnen weniger entspricht als der Durchschnitt.

basics: Und warum ist er erfolglos?

Hengstschläger: Ich nehme ein nicht-biologisches Beispiel. Ein Turnsaal mit 20 Kindern, der Turnlehrer sagt: Da kommt ein Ball, ich weiß zwar nicht wann und woher, aber stellt euch so auf, dass einer den kommenden Ball fängt. Was macht die österreichische Politik, um dieses Problem zu lösen? Sie gründet zur Hilfestellung für die Kinder eine Expertenkommission, die alle probaten Mittel verwendet, um die Frage zu beantworten, woher der Ball im Durchschnitt kommen wird. Die Fakten werden gesammelt und präsentiert: Bisher ist der Ball zehnmal von rechts oben und zehnmal von links unten gekommen, das heißt, er kommt im Durchschnitt aus der Mitte. Von dort ist er aber noch nie gekommen, die österreichische Politik sagt aber, liebe Kinder, wir wissen, woher der Ball im Durchschnitt kommt, stellt euch also alle in die Mitte des Turnsaals. Die Chance, dass irgendein Kind den Ball fängt, ist also ausgesprochen gering.

basics: Und wie geht es weiter?

Hengstschläger: Daheim fragt die Mutter, warum das Kind sich in die Mitte des Turnsaals gestellt hat, obwohl der Ball noch nie von dort gekommen ist. Und jetzt kommt der entscheidende Punkt, bezeichnend für Österreich. Das Kind sagt: „Mama, es sind alle dort gestanden.“ Und die Mutter: „Also, wenn alle dort gestanden sind, haben wir kein Problem.“ Das heißt: Es ist in Österreich viel einfacher geworden, sich mit der Mehrheit zu irren, als alleine Recht zu haben. Der Dolch des Durchschnitts ist die Mehrheit.

basics: Was wäre nun der richtige Ansatz?

Markus Hengstschläger: Um die höchste mathematische Chance zu haben, damit ein Kind den Ball fängt, dürfen niemals zwei Kinder am gleichen Platz stehen. Noch viel besser: Die Kinder sind in Bewegung. Wir vereinen also Individualität und Flexibilität. Es gibt nur noch Individualität, das höchste Gut, wenn es darum geht, sich auf Fragen vorzubereiten, von denen wir heute nicht wissen, wann sie kommen und wie sie lauten werden.

basics: Wie kann man individuelle Eigenschaften fördern?

Hengstschläger: Der beste Weg, sein Talent zu entdecken, führt über das Angebot, aus dem man sich etwas herauspicken kann. Peter Rosegger sagt: „Ein Talent hat jeder Mensch, nur gehört zumeist das Licht der Bildung dazu, um es aufzufinden.“ Und je größer das Angebot an Fächern, desto größer die Chance etwas zu finden, wo man eine besondere Leistungsvoraussetzung hat. Man muss sie aber entdecken können und durch harte Arbeit in Leistung bzw. Erfolg umsetzen. Unterstützung brauchen die Kinder beim Entdecken.

basics: Wie können Pädagogen Kinder beim Entdecken unterstützen?

Hengstschläger: Bisher haben sich Lehrer meiner Meinung nach nie auf die Suche nach den Talenten ihrer Schüler gemacht und zweitens haben sie nie ein Fach unterrichtet, wie sich ein Mensch selbst auf die Suche nach seinen Talenten machen kann. Es gibt bei uns kein Fach, das uns lehrt, wer du bist und was du kannst. Daher will ich ein Fach, in dem abgecheckt wird, ob das Kind ein musikalischer, sportlicher, rhetorischer etc. Typ ist. Da geht es um die Chance, Leistungsvoraussetzungen zu entdecken. Das Zweite ist dann, ob man die Chance und die Bedingungen hat, diese Leistungsvoraussetzungen weiterzuentwickeln.

basics: Hat man bei uns diese zwei Chancen?

Hengstschläger: In Österreich, dem fünftreichsten Land der Welt, hat man diese Chance nicht. Bei uns werden in der Schule die Schwächen gestärkt, man lernt in Fächern viel, um keinen Fünfer zu bekommen, in den Fächern, wo man eh gut ist, aber nicht. Das gilt aber auch für die Wirtschaft, es gibt Leitlinien, um Fehler zu entdecken, aufzuzeigen und abzustellen. Gibt es aber Leitlinien, um Spitzen zu entdecken und Freaks zu fördern? Nein.

basics: Wie geht Österreich mit Talenten um?

Hengstschläger: Die Talente in unserem Land liegen komplett brach. Wir müssen bildungsferne Schichten kompromisslos zur Bildung bringen, da Bildung der einzige Weg ist, um Talente zu beleuchten, und nicht, um den Durchschnitt zu heben. Auch in Menschen mit Migrationshintergrund schlummert ein ungeheures Talentpotenzial, das völlig brach liegt.

basics: Wie würde ihr Bildungssystem ausschauen?

Hengstschläger: Keine Spezialisierung bei Kindern. Ganztagsschule, da das Entdecken von Talenten Zeit braucht. Einer Zentralmatura kann ich nur etwas abgewinnen, wenn der Beweis erbracht wird, dass dadurch eine Individualisierung stattfindet. Brillant ist die modulare Oberstufe. Es ergibt keinen Sinn, dass ein Kind mit einem Fleck die ganze Klasse wiederholt und damit jene Fächer, in denen es gut ist, noch einmal hört. Oder gar dreimal – spätestens da vergeht es jedem. Und zu den Lehrern: Es ist nicht Aufgabe des Musiklehrers, einen guten Durchschnitt in der Klasse zusammenzubringen, es ist seine Aufgabe, die Talente in der Klasse zu suchen und eventuell zu finden. Und dann braucht es noch ein Konzept, wie sich Kinder auf die Suche nach sich selbst machen können.

 

Buchtipp

Peaks und Freaks. Entweder man hat es oder man hat es nicht. Stimmt das? Kann man ohne bestimmte genetische Voraussetzungen nicht erfolgreich sein? Oder gilt: Ohne Fleiß kein Preis? In der vielbeschworenen Leistungsgesellschaft ist die Hervorbringung durchschnittlicher Allround-Könner zur obersten Priorität geworden. Aber wer bestimmt, was normal ist? Es muss die Norm werden, von der Norm abzuweichen. Oder anders ausgedrückt: Wir brauchen Peaks und Freaks. Hengstschläger, gebürtiger Oberösterreicher, promovierte im Alter von 24 Jahren mit Studienverkürzung und Auszeichnung als Universitätsassistent am Vienna Biocenter zum Doktor der Genetik. Mit einem Erwin Schrödinger Stipendium verbrachte er einen Forschungsaufenthalt an der Yale University in den USA. Hengstschläger hat eine abgeschlossene Ausbildung zum Fachhumangenetiker, wurde mit 29 Jahren a.o. Univ.-Prof., und 35jährig wurde er zum Universitätsprofessor für Medizinische Genetik berufen. An der Medizinischen Universität Wien ist er Vorstand des Instituts für Medizinische Genetik.

„Die Durchschnittsfalle: Gene – Talente – Chancen“, von Markus Hengstschläger. Erschienen im Ecowin Verlag, 185 Seiten, 21,90 Euro

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