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Ötzi, Hayek und die Blockchain

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30. November 2017
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Ötzi, Hayek und die Blockchain

Ötzi, Hayek und die Blockchain

© weyo – Fotolia.com

Interview. IT-Spezialist und Business Angel Christoph Holz ist von Berufs wegen Early Adopter. Warum die Geschichte der Kryptowährung Bitcoin mit Ötzi beginnt und nicht mit Hayek endet, erläutert er im Interview.

Reden wir über Kryptowährungen wie Bitcoin. Wie sind diese entstanden?

Christoph Holz: Ötzi wurde ermordet. Man fand eine Pfeilspitze in seiner Schulter. Zwei Pfeilspitzen, die Ötzi mit sich trug, trugen menschliche DNA. Der Gletschermann hat off enbar seinerseits auch jemanden umgebracht. Was weiß man über das Mordmotiv?

Inwiefern hat das mit Bitcoin zu tun?

Der Zeit, in der Ötzi gelebt hat, war durch die Verdrängung des Jagen und Sammelns
durch die Landwirtschaft gekennzeichnet. Ötzi war Jäger und Sammler. Er hatt e zwar eine Vorstellung von Privatbesitz, Eigentum war ihm jedoch fremd. Er hatt e nicht verstanden, warum es eine Eigentumsverletzung darstellt, sich landwirtschaft liche Produkte anderer anzueignen. Deshalb musste er wohl in die Berge fliehen.

Damals war der Eigentumsbegriff ja noch recht abstrakt und nicht allgemein anerkannt.

Doch, aber eben nur bei den bäuerlichen Kulturen. Landwirtschaft ist ohne einen generationsübergreifenden Eigentumsbegriff nicht denkbar. Wohlstand entsteht nur durch Eigentum, und zwar aus dem einfachen Grund, dass jeder nur auf seinen eigenen Besitz achtet. Die Vorläufer des Bitcoin sind zur Zeit, in der Ötzi gelebt hat, im alten Sumer erfunden worden, und zwar in Form von Steintafeln mit Keilschrift . Was wurde dort vermerkt?

Vermutlich weder Liebesbriefe noch Erlebnisaufsätze.

Im Wesentlichen Zahlen. Damit wurde geregelt, wer wem was schuldet. Im Grunde genommen waren das nichts anderes als Schuldscheine. Und Geld, als Kredit, ist ja nichts anderes als Schulden. Mit der Erfindung der Landwirtschaft erzielte man erstmals Überschüsse, die gemeinsam gelagert werden mussten. Das markiert den Beginn des Staats. Man musste in den Lagerhallen in einem Verzeichnis festhalten, wem was gehört. Die Münzen sind erst viel später gekommen. Geld wurde nicht in Münzform erfunden, sondern als Bankgeld, als virtuelles Geld. Im Grunde genommen wurde die Schrift erfunden, um Kontoführung zu machen. Geld war immer Kontogeld, zwischendurch wurden die Münzen erfunden. Aber eigentlich ist 5.000 Jahre lang nichts Grundlegendes mehr passiert. Münzen haben an Relevanz verloren, weil niemand mehr viele Münzen mit sich herumschleppen möchte. Heute hat fast jeder eine Bankomatkarte mit Funkchip. Wer macht sich da die Mühe, noch bar zu zahlen.

Erstaunlich viele Österreicher. Wobei ich als Motive nicht primär Bequemlichkeit, sondern Gewohnheit und Vetrauen in die Anonymität des Bargelds unterstellen möchte.

Gewohnheit spielt natürlich eine Rolle. Meine These ist, dass sich in den letzten 4.500 Jahren keine nachhaltige Finanzinnovation entwickelt hat. Dann kam der Bitcoin. Sonst hat man für das zentrale Kontobuch nur das Medium gewechselt, von Stein auf Leder auf Papier bis hin zum Computer. Das Prinzip blieb dasselbe. Die Information ist an einer einzigen Stelle. Wer dort einbricht, kann diese Informationen manipulieren. Das ist eigentlich der Schwachpunkt, die große Angriff sfläche.

Die Vulnerabilität nimmt entsprechend im Internetzeitalter mit dem Internet der Dinge, das nochgroßteils vor uns liegt, noch einmal zu.

Ja. Alles, was gehackt werden kann, wurde bereits gehackt. Die Sicherheit, dass mein Bankkonto nicht verändert werden kann, ist eine Scheinsicherheit. Informationstheoretisch würde man dieses Problem in einem ersten Schritt damit lösen, dass man mehrere Kopien macht. Handelt es sich um tausende Kopien, müsste man all diese Kopien gleichzeitig ändern. Das ist schwieriger, aber auch nicht unmöglich. Was, wenn man jede einzelne Kopie auch noch verschlüsseln würde? Dann müsste man von jeder Kopie auch noch den Code knacken. Hätt e man theoretisch genügend Rechenleistung zur Verfügung, könnte man diese verschlüsselten Kopien auch noch gleichzeitig knacken. Wenn nun aber der größte Teil der weltweit verfügbaren Rechenleistung zur Verschlüsselung verwendet wird, dann existiert in diesem Universum derzeit gar nicht die Kapazität, die es zum Entschlüsseln bräuchte. Entschlüsselung ist – exemplarisch als Nummer gesagt – tausendmal rechenintensiver als Verschlüsselung. Das ist ein Sicherheitslevel, das keine Institution wie eine Bank, aber auch kein Staat, auch nur annähernd bieten kann. Der Bitcoin verwaltet Eigentumsverhältnisse, die unveränderlich dokumentiert sind.

Was macht den Bitcoin dann zum Geld?

Geld ist per defi nitionem alles, was als Zahlungsmittel akzeptiert wird. Wenn mich jemand mit Bitcoin bezahlen will, dann akzeptiere ich das. Und das machen viele andere auch.

Diese wechselseitige Übereinkunft , Bitcoin als Zahlungsmittel zu akzeptieren, kann ja von staatlicher Seite prinzipiell verboten werden.

Holz: Wie soll ein Staat ein solches Verbot durchsetzen. Das bringt uns zur prinzipiellen Frage, ob Geld nicht viel zu wichtig ist, um es dem Staat zu überlassen? Geld wurde geschichtlich geschehen überwiegend dazu verwendet, um Kriege zu fi nanzieren und dafür Steuern einzutreiben. Damit hat der Staat einen Gewaltkreislauf in Gang gebracht. Münzen sind im Grunde genommen eine Waff engattung. Ich kann ohne Münzen keinen Krieg gewinnen, weil ich meine Soldaten nicht verpfl egen kann. Bauern haben die Münzen nur akzeptiert, weil sie die Steuern in Münzgeld bezahlen mussten. Alexander der Große benötigte täglich für seine 120.000 Mann- Armee eine halbe Tonne Silbermünzen.

Kryptowährungen sind rechtlich gesehen ein Graubereich.

Holz: Geld ist immer ohne Staat entstanden, sieht man von den Münzen ab. Geld braucht keine staatliche Legitimation. Ein Beispiel ist das sogenannte Zigarettengeld, das im 2. Weltkrieg in den Kriegsgefangenenlagern entstanden ist. Die Österreichische Schule der Nationalökonomie postuliert, dass Geld keinen Staat braucht. Friedrich August Hayek hat in seinem Buch „The Denationalization of Money“ gesagt, dass Nationalbanken die Inflation nicht verhindern, sondern durch ihre pure Existenz erzeugen. Es gibt auch die Idee einer fi xen Geldmenge. Bitcoin implementiert diese Hayek-Idee. Hayek wollte den Staaten das Geld nicht wegnehmen, hat aber die Einführung konkurrierender Gelder begründet. Die Planwirtschaft könne nicht funktionieren, meinte Hayek, weil es keine vollständige Information gibt. Eines der letzten großen planwirtschaft lichen Systeme, das heute noch existiert, ist die planwirtschaft liche Verwaltung des Geldes. Macht die EZB einen Fehler, müssen dafür wir alle geradestehen.

Nur dass heute niemand mehr einen Fehler von vornherein als solchen erkennen kann.

Genau. Wäre es nicht besser, es gäbe in Europa verschiedene Geldsorten, manche von Staaten, manche von Banken. Das ist eine – Vorsicht! – neoliberale Theorie.

Als Buzzword hat der Neoliberalismus seinen Schrecken verloren. Die einschlägigen Denker sind ja durchaus spannend.

Diese Denker haben coole Ideen. Sie sagen, die Preisbildung müsse dezentral statt finden. Es brauche einen Wett bewerb. In dezentralisierten Systemen hat ein einzelner Fehler niemals so große Auswirkungen wie in zentralisierten. Das ist der springende Punkt. Es werden sehr wohl einige der derzeit existierenden Kryptowährungen scheitern, ja scheitern müssen. Es werden aber nicht alle scheitern. Scheitert der Euro, dann scheitert er für uns alle. Das Risiko ist extrem hoch für uns.

Hat die Kursentwicklung des Bitcoin etwas mit der Realität zu tun?

Der Bitcoin-Kurs ist richtig gestiegen, als in Indien zur Korruptionsbekämpfung ein Großteil des Bargelds abgeschafft wurde und in Venezuela genauso. Was macht ein Venezolaner, der seine Bolívares loswerden will. Er kauft sich eine andere Währung. In Argentinien wurde der Bitcoin so früh adaptiert, weil er wesentlich weniger schwankt als die eigene Währung. Deshalb findet der Bitcoin in Ländern schnellere Verbreitung, deren Währungen stärkeren Schwankungen unterworfen sind. In Hochrisikoländern ist der Bitcoin eine sichere Option für den Transfer von Geld. Damit etabliert er sich von allein.

Im öffentlichen Diskurs wird der Eindruck erweckt, dass die Bitcoin-Kursschwankungen von realen globalen wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen losgelöst seien, etwas Irrationales.

Dieser Eindruck ist falsch. Ich bin überzeugt, dass die Zukunft in diesen Kryptowährungen liegt. Alles andere ist zu teuer und zu unsicher.

Die den Kryptowährungen zugrundeliegende Blockchain-Technologie hat großes disruptives Potenzial, wird gemunkelt. Warum ist sie erst so spät, über 20 Jahre nach dem Beginn des Internets, aufgetaucht?

Wir haben uns bereits 1995 gedacht, dass es nicht mehr lange dauern könne, bis eine Art Internetwährung auftritt. Doch dann hat es tatsächlich bis 2009 gedauert, bis die einzelnen Technologien, die alle seit geraumer Zeit existiert haben, für die Blockchain zusammengefasst und miteinander kombiniert wurden. Mathematischtechnisch ist die Blockchain – das kann ich als Informatiker sagen – eine solide Angelegenheit. Marc Andreessen, der den Netscape Navigator erfunden hat, meinte, es sei ihm wie Schuppen von den Augen gefallen, als er die Blockchain das erste Mal vor sich hatte. Die Finanzkrise hat da vielleicht als Katalysator gedient. Der Stromverbrauch des gesamten Bitcoin-Netzwerks wurde von einem Mathematiker auf jährlich 14 Terawattstunden geschätzt. Das ist mehr, als ganz Berlin im Jahr 2014 verbraucht hat.

Von einem ökologischen Standpunkt aus klingt das nach Wahnsinn. Dient Bitcoin-Mining in erster Linie gar nicht der Gewinnung neuer Coins?

In erster Linie dient es der Verschlüsselung, mit Bitcoins wird dieses Mining bezahlt. Es wird auch technisch bedingt niemals mehr als insgesamt 21 Millionen Bitcoins geben. Das ist aber kein Problem, weil Transaktionen auch in kleineren Stückelungen stattfinden können. Dadurch wird es niemals zur Inflation kommen. Sobald der Bitcoin wirklich etabliert ist, kann der Wert eigentlich nur noch steigen. Das ist der Fluch und Segen des Bitcoin. Denn er wird nicht ausgegeben, weil jeder wartet, bis der Wert weiter steigt.

Die Blockchain kann aber nicht nur als Grundlage für eine Kryptowährung verwendet werden, sondern man kann beliebige Daten hinterlegen.

Ja. Es gibt die Ethereum Blockchain, mittels der sogenannte Smart Contracts – das sind sich selbst exekutierende Verträge – bereits mit der Transaktion selbst abgewickelt werden. Notariell beglaubigt wird dieser Vertrag durch die Blockchain. Die vertraglichen Rahmenbedingungen können vielfältig ausgestattet werden. Man braucht die Erfüllung des Vertrags nicht einklagen, weil er sich selbst exekutiert. Die Kontonummern der Vertragspartner sind hinterlegt. Das enlastet Gerichte, Grundbücher und Notare.

Genug Potenzial, um in einigen Branchen für Versunsicherung zu sorgen, zumal die maßgeblichen Institutionen ein beträchtliches Beharrungsvermögen haben dürften.

Wir leben in einer Zeit, in der das Wirtschaftswachstum in Summe eher stagniert, weil es aufgefressen wird von Dingen, die bürokratisch, langsam und teuer sind. Das kostet uns Wohlstand. Ohne die Banken wären wir gar nicht so weit gekommen. Aber heute bescheren uns diese Institutionen auch deshalb schwere Krisen, weil sie eine Monopolstellung haben. Man braucht die Banken nicht abschaffen, sie sollen aber in einen fairen Wettbewerb eintreten. Dieses ganze bürokratische System soll entmonopolisiert werden, indem es plötzlich Alternativen gibt.

Die Blockchain hat also tatsächlich revolutionäres Potenzial?

Sie hat meines Erachtens kurzfristig das Potenzial, nach Dampfmaschine, Elektrizität, Eisenbahn, Automobil und Computer zur nächsten Basistechnologie zu werden. Das nächste große Ding ist die Blockchain!

Quelle:
ECHO Zeitschriften und Verlags Ges.m.b.H.
Interview: Marian Kröll